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Erstmals im Menschen: Zell-Verjüngung per Gentherapie startet am Auge

Augenuntersuchung beim Augenarzt

Was jahrelang nur in Mäusen und Affen erprobt wurde, wird jetzt erstmals am Menschen getestet: Das Bostoner Biotech-Unternehmen Life Biosciences hat im Juni 2026 den ersten Studienteilnehmer mit ER-100 behandelt. Die Gentherapie soll alternde Zellen im Sehnerv epigenetisch zurücksetzen – ein Ansatz, der als „partielle Reprogrammierung“ bekannt ist.

Die Idee: Zellen ihr junges Programm zurückgeben

Mit dem Alter verändern sich die chemischen Markierungen auf der DNA, die steuern, welche Gene aktiv sind – das sogenannte Epigenom. Viele Forschende sehen darin eine zentrale Ursache des Alterns. Der japanische Nobelpreisträger Shinya Yamanaka zeigte 2006, dass vier Transkriptionsfaktoren ausgereifte Zellen in einen embryonalen Zustand zurückversetzen können. Eine vollständige Rückprogrammierung löscht jedoch die Identität der Zelle und birgt ein Tumorrisiko.

Bei der partiellen Reprogrammierung werden deshalb nur drei der vier Faktoren eingesetzt – OCT4, SOX2 und KLF4 (kurz OSK) – und ihre Aktivität wird kontrolliert. Der vierte Faktor, das als Krebsgen bekannte c-MYC, bleibt außen vor. Ziel ist, die epigenetischen Muster einer jüngeren Zelle wiederherzustellen, ohne dass die Zelle vergisst, was sie ist.

Die Studie

  • Präparat: ER-100, als Injektion direkt ins Auge (intravitreal)
  • Erkrankungen: Offenwinkelglaukom (Grüner Star) und nicht-arteriitische anteriore ischämische Optikusneuropathie (NAION), ein „Schlaganfall“ des Sehnervs
  • Phase: Phase 1, erste Anwendung am Menschen (NCT07290244)
  • Ziele: Sicherheit, Verträglichkeit und Immunreaktionen; zusätzlich werden Sehtests ausgewertet

Die US-Arzneimittelbehörde FDA hatte den Antrag auf klinische Prüfung im Februar 2026 genehmigt. In Studien an nichtmenschlichen Primaten habe die kontrollierte OSK-Expression Methylierungsmuster wiederhergestellt und die Sehfunktion verbessert, teilt das Unternehmen mit.

Warum gerade das Auge?

Das Auge ist ein gut abgeschlossenes Organ: Die Therapie bleibt weitgehend lokal, die benötigte Menge ist gering, und die Wirkung lässt sich mit etablierten Sehtests genau messen. Für eine völlig neue Therapieklasse ist das ein vergleichsweise kontrollierbarer Einstieg.

Mitgründer David Sinclair von der Harvard Medical School spricht von der „ersten Gelegenheit zu testen, ob die Wiederherstellung dieser Information menschliche Krankheiten lindern kann“.

Einordnung

Die Studie ist ein Meilenstein für die Altersforschung, aber ein früher. Eine Phase-1-Studie prüft vor allem die Sicherheit; ob ER-100 tatsächlich das Sehvermögen erhält oder verbessert, wird sich erst in größeren Studien zeigen. Die bisherigen Wirksamkeitsdaten stammen aus Tierversuchen und Unternehmensangaben. Offene Fragen betreffen die Langzeitsicherheit eines Eingriffs in die Genregulation und mögliche Immunreaktionen auf die Genfähre.

Ein Erfolg wäre dennoch weit über die Augenheilkunde hinaus bedeutsam: Er wäre der erste Hinweis darauf, dass sich altersbedingte epigenetische Veränderungen im Menschen gezielt zurückdrehen lassen.

Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. ER-100 ist eine experimentelle Therapie und nicht zugelassen.

Quellen

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