Kaum eine Behandlung bei Kniearthrose wird so kontrovers diskutiert wie die Injektion von Hyaluronsäure ins Gelenk (Viskosupplementation). Während manche Leitlinien davon abraten, sehen Fachgesellschaften für Knochen- und Gelenkerkrankungen einen Nutzen für ausgewählte Patientinnen und Patienten. Ein 2026 in Aging Clinical and Experimental Research veröffentlichter Expertenkonsens der europäischen Fachgesellschaft ESCEO versucht, Klarheit zu schaffen.
Warum Hyaluronsäure im Gelenk?
In gesunden Gelenken sorgt Hyaluronsäure dafür, dass die Gelenkflüssigkeit zähflüssig und gleitfähig bleibt. Bei Arthrose nehmen Menge und Molekülgröße ab. Die Injektion soll die „Schmierung“ verbessern und Schmerzen lindern; diskutiert werden auch entzündungshemmende Effekte.
Für wen kann sie sinnvoll sein?
Die ESCEO-Arbeitsgruppe – zu der neben Rheumatologen, Orthopäden und Rehabilitationsmedizinern auch Patientinnen und Patienten gehörten – nennt vor allem:
- Menschen mit symptomatischer Kniearthrose im frühen bis mittleren Stadium (Kellgren-Lawrence-Grad 2–3),
- Beschwerden außerhalb einer akuten Entzündungsphase,
- als aktiven Baustein einer Gesamtbehandlung – zusammen mit Bewegungstherapie, Gewichtsreduktion und ggf. Schmerzmitteln –, nicht als Standardtherapie für alle.
Ein hohes Alter allein ist kein Ausschlussgrund. Weniger gut ansprechen könnten jedoch Menschen über 70, mit starkem Übergewicht, mit fortgeschrittener Arthrose oder Arthrose hinter der Kniescheibe.
Was sagt die Studienlage?
- Eine Umbrella-Review aus dem Jahr 2025 fand in 20 von 22 systematischen Übersichtsarbeiten einen signifikanten Nutzen.
- Eine Netzwerk-Metaanalyse mit 74 Studien und über 13.000 Teilnehmenden zeigte keine wesentlichen systemischen Sicherheitsprobleme. Häufigste Nebenwirkung waren vorübergehende Schmerzen oder Entzündungsreaktionen an der Einstichstelle (8,5 %).
- Einzelne Metaanalysen hatten zuvor ein leicht erhöhtes Risiko für schwerwiegende Ereignisse berichtet; ein ursächlicher Zusammenhang ist laut Konsens jedoch nicht belegt.
- Laut einer in American Family Physician (November 2025) zusammengefassten Metaanalyse von Kohortenstudien verzögerten die Injektionen eine Knieprothese im Schnitt um rund 299 Tage. Solche Beobachtungsdaten sind allerdings anfällig für Verzerrungen.
Warum widersprechen sich die Leitlinien?
Fachgesellschaften wie ESCEO, OARSI, EULAR und PANLAR unterstützen die Injektionen für ausgewählte Patienten. Leitlinien mit hausärztlichem Fokus, etwa vom britischen NICE und dem American College of Rheumatology, raten dagegen eher ab. Ein Grund: Je nachdem, welche Studien einbezogen werden – etwa nur sehr große Studien –, fällt der durchschnittliche Effekt kleiner aus. Die Präparate unterscheiden sich zudem stark in Molekülgröße, Vernetzung und Zusätzen.
Was Betroffene wissen sollten
- Hyaluronsäure-Injektionen sind in Deutschland in der Regel eine Selbstzahlerleistung (IGeL).
- Die Wirkung setzt langsamer ein als bei Kortison, kann aber länger anhalten.
- Vor einer geplanten Gelenkersatz-Operation sollte ein ausreichender Abstand zur letzten Injektion eingehalten werden (Infektionsrisiko).
- Bewegung und Muskelaufbau bleiben die Basis jeder Arthrosetherapie.
Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Sprechen Sie mit Ihrer Orthopädin oder Ihrem Orthopäden über die für Sie geeignete Behandlung.



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