Epicondylopathia radialis humeri

Synonyme für diesen Begriff  sind Tennisellenbogen und Epicondylitis radialis humeri

Definition:

Schmerzhafte Inflammation des Extensor carpi radialis brevis und des Extensor communis am aponeurotischen Ansatz am lateralen Epikondylus.

Ätiologie, Pathogenese:

Veränderungen können auf Grund eines kumulativen Effektes, durch mechanische Überlastung und metabolische Veränderungen entstehen. Freizeit- und Amateurspieler sind wesentlich häufiger betroffen als professionelle Tennisspieler. Bei Spielern unter 30 Jahren tritt die Erkrankung selten auf.

Pathophysiologie

Fibroblastische Tendinose von degenerativer Natur aufgrund der fehlenden akut inflammatorischen Zellen ist der Grund der Beschwerden.

Anamnese

Zu den typischen Beschwerden zählen Schmerzen und Druckschmerz am lateralen Epikondylus mit Ausstrahlung in den Ober- und Unterarm, deutliche Belastungsabhängigkeitund Funktionseinschränkung: Schwäche im Handgelenk bei einfachsten Bewegungen.
Frühere Erkrankungen: vorherige konservative oder operative Behandlung, Unfälle, Gelenkerkrankungen, sportspezifische Anamnese.
Beruf mit spezifischer Belastung der Handgelenkstreckmuskulatur.

Klinische Diagnostik
o Inspektion meist unauffällig, gelegentlich Schonhaltung
o Druckschmerz am Epicondylus radialis sowie im Verlauf der Streckmuskulatur
o Bewegungsschmerz
o Schwäche im Handgelenk
o Positive Provokationstests (Pronation und Handgelenkstreckung gegen Widerstand, Stuhl-Test, Tassen-Test)
o Beim klassischen Tennisellenbogen ist an erster Stelle der M. extensor carpi radialis brevis und an zweiter Stelle der M. extensor digitorum communis betroffen. Beim M. extensor carpi radialis brevis ist die Dorsalflexion des ganzen Handgelenkes schmerzhafter als der Mittelfingertest
o Bei der mehr durch berufliche Tätigkeit erworbenen Symptomatik steht der M. extensor digitorum communis im Vordergrund. Typisch ist der Schmerz bei Streckung des Mittelfingers gegen Widerstand

o gleichzeitige Untersuchung der Halswirbelsäule, der Schulter und Hand

o Beurteilung von Durchblutung, Motorik und Sensibilität, einschließlich Nervenengpasszeichen

Apparative Diagnostik

o Eine Röntgenaufnahme des Ellenbogengelenkes in 2 Ebenen sollte zum Ausschluss anderer Erkrankungen wie freie Gelenkkörper, Osteochondrosis dissecans, gelegentlich sekundäre Ossifikationen im Sehnenansatz oder Arthrose durchgeführt werden.
o MRT des Ellenbogengelenkes
o Sonographie

Im Einzelfall nützliche weitere apparative Untersuchungen
o Röntgen der Halswirbelsäule
o Elektromyographie und Nervenleitgeschwindigkeit

Häufige Differentialdiagnosen
o Zervikalsyndrom (C6 / C7)
o Kompressionsneuropathie des N. radialis
o Supinatorschlitz-Syndrom
o Pronator-teres-Syndrom
o subakromiales Schmerzsyndrom
o Arthrose des Ellenbogengelenkes
o Osteonekrose
o Osteochondrosis dissecans
o freie Gelenkkörper
o Plica humeroradialis
o posteroulnares Impingement
o Instabilität des Ellenbogengelenkes
o Bursitis olecrani
o rheumatoide Arthritis

Ziele der möglichen Therapien sind Beschwerdefreiheit, Schmerzreduktion und Funktionsgewinn.

Konservative Therapie

Beratung und Aufklärung über die Erkrankung, deren natürlichen Verlauf sowie Therapiemöglichkeiten
Aufklärung über Möglichkeiten der Reduktion und Vermeidung von Überanstrengung und Fehlbelastung in Alltagsleben, Beruf und Sport

Medikamentöse Therapie

Zur Schmerzreduktion stehen systemische und lokal anzuwendende Substanzen zur Auswahl:
o Antiphlogistika (NSAR)
o topische Diclofenac-Applikation
o Infiltrationstherapie mit Lokalanästhetika
o Infiltrationstherapie mit Steroiden und anschließender Ruhigstellung für 1-2 Wochen (cave Fettgewebsnekrose; nicht mehr als 2-3 Wiederholungen)
o Botulinumtoxin-Injektion an den Hauptschmerzpunkt und in die betroffene Muskulatur

Physikalische Therapie
o Kryotherapie im akuten Stadium
o Wärme im chronischen Stadium
o Querfriktion, Dehnungsübungen
o detonisierende Massage
o Elektrotherapie
o Ruhigstellung
o Sonophorese
o transkutane Nervenstimulation
o Ultraschall
o Laserbehandlung (geringe Evidenz)
o Extrakorporale Stoßwelle (geringe Evidenz)
o Röntgenreizbestrahlung (keine Evidenz)

Orthopädietechnik
o Kinesio-Tape
o Epicondylitisbandage
o Verbände und Mahnbandagen

Operative Therapie
Allgemeines Indikationskriterium ist Beschwerdepersistenz trotz konservativer Therapie mit entsprechendem Leidensdruck.
Häufige Operationsverfahren sind
– die offene oder endoskopische ursprungsnahe Ablösung der betroffenen Strecksehnen nach Hohmann
– offene oder endoskopische Entfernung des angiofibroblastischen Sehnengewebes nach Nirschl
– offene oder endoskopische Denervierung am Epicondylus radialis humeri nach Wilhelm
– zusätzlich Dekompression des Supinatorschlitzes bei gegebener Irritation

Mögliche Folgen und Komplikationen

o Allgemeine Risiken und Komplikationen: Wundheilungsstörung,
Wundinfektion, Hämatom, Gefäßverletzung, Nervenverletzung,
Instabilität des Ellenbogengelenkes
o Schmerzpersistenz, Rezidiv

Postoperative Maßnahmen/Rehabilitation
o Frühfunktionelle Behandlung, Wundkontrolle
o Sportfähigkeit nach 8-10 Wochen
o im Einzelfall Verlauf über Monate bis über ein Jahr

Stufenschema therapeutisches Vorgehen
Orientierungskriterien
Subjektiver Schmerz, Leidensdruck, Ausmaß der Funktions- und Belastungsbehinderung, Therapieresistenz

Stufe 1 konservativ
Beratung, Medikamente, Ruhigstellung, physikalische Therapie,
orthopädietechnische Maßnahmen, Infiltrationstherapie, extrakorporale Stoßwelle

Stufe 2 operativ ambulant/stationär
Beratung, Operation endoskopisch oder offen

Prognose

Die Prognose hinsichtlich des natürlichen Verlaufes ist günstig, wenn auch mit einer oft mehrmonatigen schmerzhaften Bewegungs- und Belastungsbeeinträchtigung gerechnet werden muss. Mit medikamentöser und physikalischer Therapie sowie Infiltrationsbehandlung ist in der Mehrzahl der Fälle eine Beschwerdebeseitigung
möglich. Die Literatur ist in bezug auf die Wirksamkeit konservativer Therapieverfahren widersprüchlich, es existieren wenige kontrollierte Studien. Nur wenige radiale Epicondylopathien gehen in einen chronischen Verlauf über. Der Spontanverlauf ulnarer Epikondylopathien ist ungünstiger.

Prävention

Vermeidung der Überlastung und Fehlbelastung, Ermöglichung und Optimierung der ergonomischen Arbeitsbedingungen.

Quellen : AWMF online