Chemikalien in Pflegeprodukten begünstigen bei Mädchen früheren Eintritt in die Pubertät

Laut einer im Dezember 2018 in der Zeitschrift “Human Reproduction” veröffentlichten Studie der University of California, Berkeley, kommen Mädchen, deren Mütter chemisch belastete Körperpflegeprodukte – wie Make-up, Zahnpasta, Shampoos und Seife – während der Schwangerschaft verwendet haben, früher in die Pubertät.

Seit über 20 Jahren wird daran geforscht, warum viele Heranwachsende heutzutage früher in die Pubertät kommen, als es noch vor einigen Jahren der Fall war. Noch vor 140 Jahren bekamen Mädchen ihre Menarche (1. Regelblutung) mit einem Durchschnittsalter von 16,6 Jahren. 1980 war das Durchschnittsalter bereits auf 12,5 Jahren gesunken. Heutzutage liegt der Durchschnittswert bei circa 11 Jahren. Diese kontinuelle Beschleunigung der sexuellen Reife wird mit Chemikalien in Pflegeprodukten in Zusammenhang gebracht und wurde bereits in Tierversuchen bestätigt.

Chemikalien können dem Kind schon im Mutterleib schaden…

Obwohl mehrere andere Studien die Wirkung von Chemikalien in Körperpflegeprodukten auf die Pubertät bei Mädchen untersucht haben, ist dies die erste Studie, die sich mit der Exposition von Chemikalienim im Uterus also im Mutterleib befasst. Die Zeit in der Gebärmutter ist eine äußerst empfindliche Zeit. Dieses relativ kurze Zeitfenster ist besonders anfällig für die Exposition gegenüber hormonstörenden Chemikalien, so die Forscher der Studie. In der Langzeitstudie untersuchte das Forscherteam die Wirkung von Phthalaten, Parabenen und Phenolen auf den menschlichen Organismus. Insbesondere gingen sie der Frage nach, ob es einen Zusammenhang gibt zwischen der Exposition durch diese Stoffe – in der Gebärmutter und kurz vor der Pubertät – und dem Zeitpunkt des Pubertätbeginns bei Jungen und Mädchen.

Die Auswirkungen dieser Chemikalien auf weibliche Fortpflanzungshormone sind nicht auf den direkten Konsumenten beschränkt, sondern sie schaden auch weiblichen Säuglingen, deren Mütter diese Produkte während der Schwangerschaft verwendet haben. Es ist wichtig diese Auswirkungen zu verstehen, weil bereits bekannt ist, dass das Alter, in dem die Pubertät bei Mädchen beginnt, in den letzten Jahrzehnten abgenommen hat. Eine Hypothese besagt, dass Chemikalien in der Umwelt eine Rolle spielen könnten, und die neuesten Erkenntnisse stützen diese Idee, so die Mediziner. Eine frühere Pubertät bei Mädchen erhöhe außerdem das Risiko von psychischen Problemen und einem Risikoverhalten als Teenager. Außerdem erhöht sie langfristig das Risiko für Brust- und Eierstockkrebs. Bei Jungs steigt das Risiko für Hodenkrebs. Die frühe Pubertät kann also später im Leben ernste gesundheitliche Folgen haben.

Endokrine Disruptoren in über 90% der Urinproben entdeckt

Die Forscher begleiteten 338 Kinder medizinisch von der Geburt bis zu ihrer Pubertät, um zu dokumentieren wie frühe Umweltexpositionen die Entwicklung von Kindern beeinflussen. Die Mediziner maßen die Konzentrationen von Phthalaten, Parabenen und Phenolen in Urinproben, die zweimal Müttern während der Schwangerschaft und Kindern im Alter von 9 Jahren abgenommen wurden. Anschließend beobachteten sie das Wachstum der Kinder – 159 Jungen und 179 Mädchen – im Alter zwischen 9 und 13 Jahren, um verschiedene Stadien der Pubertät festzustellen. Die überwiegende Mehrheit – mehr als 90 Prozent – der Urinproben von Müttern und Kindern zeigte nachweisbare Konzentrationen aller drei Klassen von Chemikalien, mit Ausnahme von Triclosan, das in etwa 70 Prozent der Proben vorhanden war. Daran ist ohne Zweifel zu erkennen, dass es nicht einfach ist den Kontakt mit diesen Chemikalien zu vermeiden.

Endokrine Disruptoren, auch Umwelthormone oder hormonaktive Substanzen genannt, sind meist synthetische Chemikalien, die wenn sie über Hautkontakt in den Körper gelangen, bereits in geringsten Mengen das Hormonsystem des Menschen verändern und so der Gesundheit schaden können. Die WHO und zahlreiche endokrinische Fachgesellschaften sehen es als erwiesen an, dass endokrine Disruptoren unter anderem Brust-und Prostatakrebs, Diabetes Mellitus, Schilddrüsenerkrankungen auslösen können. Es wird vermutet, dass circa 1000 der 85000 synthetischen Chemikalien hormonaktiv wirken. Nicht alle wurden ausreichend erforscht, sodass für eine Stoffgruppe meist nur eine vermutete Wirkung angenommen wird. Zu den vermuteten endokrinen Disruptoren gehören Weichmacher und Additive, wie das Phenol Triclosan und Phthalate. Parabene, die eine dem weiblichen Geschlechtshormon Östrogen sehr ähnliche Struktur aufweisen, sind hormonell wirksam.

Ergebnisse: Mädchen anfälliger als Jungs

Die Forscher fanden heraus, dass Töchter von Müttern, die während der Schwangerschaft einen höheren Gehalt an Diethylphthalat und Triclosan in ihrem Körper hatten, die Pubertät im jüngeren Alter erfuhren. Die Pubertät der Mädchen setzte teils mehrere Monate früher ein im Vergleich zu Mädchen deren Mütter weniger Chemikalien im Urin aufwiesen. Enthielt der Urin der Mütter besonders viel Monoethylphthalat – ein Abbauprodukt von Diethylphthalat – begann die Schamhaarentwicklung der Töchter durchschnittlich etwa sechs Monate früher. Eine besonders hohe Konzentration von Triclosan im Urin der Mutter war verbunden mit einer um knapp fünf Monate früheren ersten Menstruation.

Daneben zeigten die Ergebnisse der Forscher einen Zusammenhang zwischen sehr hohen Konzentrationen von Methylparaben im Urin der Mädchen mit einer früheren Entwicklung der Brustdrüsen und einer frühen ersten Menstruation. Hohe Propylparaben-Werte waren verbunden mit einer vier bis sieben Monate früheren Schamhaarentwicklung. Bei Jungen fanden die Forscher eine deutliche Verbindung mit Propylparaben: War die Konzentration des Stoffs im Urin hoch, reiften die Geschlechtsorgane früher.

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Untersuchte Chemikalien

Die Forscher untersuchten die Urinproben auf die Konzentration von drei Phthalat-Metaboliten (Abbauprodukte von Phthalaten im Körper), nämlich Monoethyl Phthalate (MEP) – Abbauprodukt von Diethylphthalat, Mono-n-butyl Phthalate and Mono-isobutyl Phthalate, zwei Parabenen – Methylparaben und Propylparaben- und anderen Phenolen (Triclosan, Benzophenone-3 and 2,4- and 2,5-Dichlorophenol).

Einschränkungen der Studie

Die der Studie zugrundeliegenden Daten wurden im Rahmen des Zentrums für die Bewertung von Müttern und Kindern von Müttern (CHAMACOS) erhoben. In der CHAMACOS-Studie wurden schwangere Frauen rekrutiert, die zwischen 1999 und 2000 in den bäuerlichen Betrieben, vor allem in den lateinamerikanischen Gemeinden des Salinas Valley, lebten. Die Studienpopulation ist somit auf lateinamerikanische Kinder mit niedrigem sozioökonomischem Status beschränkt, die in einer Landarbeitergemeinschaft leben. Die Ergebnisse der Studie gelten nur für diese Population und sind vielleicht nicht zu verallgemeinern.

Weitere Forschung ist nötig. Einen Einfluss auf die Ergebnisse der Studie hat möglicherweise auch, dass die untersuchten Mütter aus einkommensschwachen Bevölkerungsschichten kamen und deshalb nicht auf Körperpflegeprodukte ausweichen konnten, die etwa weniger Zusatzstoffe enthalten. Außerdem werden die untersuchten Chemikalien schnell verstoffwechselt und ein bis zwei Urinproben pro Entwicklungszeitpunkt spiegeln möglicherweise nicht die übliche Exposition wider. 

Zudem besteht die Möglichkeit eines umgekehrten Zusammenhangs: Kinder, die frühzeitig die Pubertät durchlaufen, fangen mit höherer Wahrscheinlichkeit selbst früher an Körperpflegeprodukte zu verwenden.

„Obwohl mehr Forschung nötig ist, sollten sich die Menschen bewusst sein, dass Chemikalien in Körperpflegeprodukten vorhanden sind, die die Hormone in unserem Körper stören können“, sagte Dr. Kim Harley.

Auch für Männer ist Vorsicht geboten

Deo, Shampoo, Rasierschaum: Diese Körperpflegeprodukte können der männlichen Zeugungsfähigkeit schaden, wenn sie sogenannte Parabene enthalten. Dies hat eine polnische Studie aus dem Jahr 2017 herausgefunden.

Parabene werden als Aktivatoren der endokrinen Rezeptoren eingestuft. Experimente mit Tieren zeigen, dass Parabene an den jeweiligen Rezeptoren die Wirkung des weiblichen Geschlechtshormons Östrogen nachahmen und auch den Testosteronspiegel senken können. Für die aktuelle Studie analysierten die Forscher Blut-, Urin – und Spermienproben von 315 Männern, die in einer Kinderwunschklinik in Polen behandelt wurden.

Verglichen mit Männern, die einen niedrigen Parabenspiegel im Urin hatten, hatten Männer mit einem hohen Parabenspiegel einen höheren Anteil an Spermien, die abnormal geformt waren und sich langsamer bewegten. Je größer der Anteil dieser abnormal geformten Spermien ist, desto geringer ist die Zeugungsfähigkeit. Analysen der Blutproben zeigten außerdem, dass Männer mit einem hohen Parabenspiegel im Urin im Schnitt ein niedrigeres Testosteronlevel hatten.

Bewusstsein für bedenkliche Inhaltsstoffe entwickeln

Wer kennt sich schon so gut mit Chemie oder Biochemie aus, dass er die Liste der Inhaltsstoffe auf seinen Körperpflegeprodukten richtig versteht?

Wenn Sie derzeit schwanger sind oder beabsichtigen schwanger zu werden, ist es nicht zu spät die Exposition zu minimieren. Aber auch wer wegen der hormonstörenden Wirkung auf diese Inhaltsstoffe verzichten möchte, kann aufatmen. Laut der Forscherin Harley verbleiben diese Chemikalien nicht lange im Körper. Sie werden nach ein paar Tagen aus dem Körper über den Urin ausgeschieden. Es muss also auf Produkte umgestellt werden, die diese Stoffe nicht enthalten. Naturkosmetik, am besten zertifizierte, ist dafür am besten geeignet. Um diese Chemikalien meiden zu können, muss man wissen hinter welchen Inhaltsstoffen sie sich verstecken! Die Abkürzung INCI steht hierbei für die „International Nomenclature of Cosmetic Ingredients“.

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Parabene

Parabene verfügen über eine antimikrobielle und fungizide Wirkung und werden in pharmazeutischen Produkten, Kosmetika als Konservierungsstoff eingesetzt. Es ist häufig in Cremes, Lotionen, Make-Up, Lippenstifte, Shampoos, Seifen, Enthaarungsmittel, Sonnencreme und Deodorants enthalten. Die entsprechenden Inhaltsstoffe sind aufgeführt und enden meist auf der Endung –paraben.

INCI Bezeichnungen: Methylparaben, Propylparaben, Ethylparaben, Butylparaben. Dabei sollten sie auch nach den Synonymen für Parabene Ausschau halten: Hydroxybenzoat, Hydroxybenzoesäure, Metagin, Nipagin, Oxybenzoate, Oxybenzoesäure, Parahydroxybenzoate (PHB), Propagin.

Isopropylparaben und Isobutylparaben sind in der EU verboten.

Phthalate

Der wichtigste Vertreter der Phthalate ist Diethylphthalat (DEP). Auch Dymethyl- , Dietyl- und Dibutylphthalat werden in Kosmetika, Körperpflegemitteln und pharmazeutischen Produkten eingesetzt. DEP wird häufig als Fixierer für Duftstoffe verwendet. Phthalate werden nicht auf Etiketten vermerkt aber kommen häufig in parfümierten Produkten wie Duschgel, Seifen, Shampoos und Parfüm vor.  Phthalate findet man auch in Nagellack. Alkohol (Ethanol) wird damit vergällt – somit ungenießbar gemacht. Besondere Vorsicht ist deshalb bei Produkten mit denaturierten Alkohol geboten.

INCI Bezeichnungen: Alkohol denat., Parfum, Fragrance

Triclosan

Triclosan gehört zu den Phenoxyphenolen. Es ist ein antimikrobieller Wirkstoff – daher häufig in Desinfektionsmitteln anzutreffen – und findet als Konservierungsstoff in kosmetischen Präparaten Verwendung.  Da es desodorisierende Eigenschaften hat, kommt es in diversen Seifen (fest und flüssig) und Deodorants zum Einsatz. Triclosan ist in Zahnpasta enthalten (Markenname z.B. Colgate). 2017 hat die amerikanische FDA Triclosan in antibakteriellen Handseifen verboten.

INCI Bezeichnungen: Triclosan, 5-Chlor-2-(2,4-dichlorphenoxy)phenol

 

 

Quellen:

Human Reproduction, Volume 34, Issue 1, 1 January 2019, Pages 109–117, https://doi.org/10.1093/humrep/dey337
Journal of Occupational and Environmental Medicine. 2017 Nov, Volume 59, Issue 11, Pages 1034-1040, doi: 10.1097/JOM.0000000000001106.
Datenbank über Inhaltstoffe in Kosmetik- und Körperpflegemitteln: www.haut.de/inhaltsstoffe-inci

 

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