Zöliakie – eine Autoimmunerkrankung

Die glutenfreie Diät ist zum Trend geworden – viele Menschen greifen zu glutenfreien Produkten, obwohl diese keinen Nutzen für ihre Gesundheit haben. Nur bei etwa 1% der Bevölkerung löst Gluten Entzündungsreaktionen im Darm aus. Zöliakie-Betroffene erfahren heute mehr Verständnis, auch gibt es bessere Diagnose-Methoden als noch vor 20 Jahren. Doch was ist Zöliakie genau, wie äußert sich diese Erkrankung und wer ist besonders anfällig dafür?

Was ist Zöliakie?

Die Zöliakie ist eine chronische Nahrungsmittel-Unverträglichkeit gegen Gluten, die unbehandelt zu einer chronischen Schädigung der Dünndarmschleimhaut führt. Gluten wird auch Klebereiweiß genannt und ist für seine guten Backeigenschaften in Verbindung mit Wasser bekannt. Es kommt in den Körnern von Getreidesorten (wie Weizen, Roggen, Dinkel, Gerste) vor und kann bei manchen Menschen eine Überreaktion des Immunsystems auslösen. Bei Zöliakie-Betroffenen bildet der Körper Antikörper gegen die eigenen Zellen des Dünndarms. Daher wird Zöliakie auch zu den Autoimmunerkrankungen gezählt. Die Immunreaktion kann zu einer Rückbildung der Zotten des Dünndarms führen, die Schleimhaut flacht ab und so können Nahrungsbestandteile von den geschädigten Bereichen nicht mehr komplett aufgenommen werden. Die Erkrankung besteht ein Leben lang und ist nicht heilbar. Allerdings können sich unter einer strikt glutenfreien Ernährung die Dünndarmschädigungen zurückbilden.

Wie äußert sich Zöliakie?

Wenn Menschen mit Zöliakie Gluten essen, kommt es zu entzündlichen Reaktionen im Dünndarm. Die Symptome sind vielfältig aber nicht bei allen Erkrankten gleich ausgeprägt. Auch muss es nicht zu den typischen Symptomen kommen und sich nicht nur im Magen-Darm-Trakt äußern. Auch Kopf- und Gliederschmerzen, Müdigkeit und Abgeschlagenheit, Depressionen und Migräneanfälle können auf eine Zöliakie hindeuten. Diese diffusen und uneindeutigen Symptome machen das Erkennen der Krankheit schwer. Daher vergehen häufig Jahre bis die Diagnose Zöliakie feststeht. Verläufe, die kaum bis keine Symptome aufweisen, dominieren. Aufgrund des Krankheitsbildes der sogenannten subklinischen Zöliakie, gehen Forscher und Mediziner davon aus, dass die Dunkelziffer der Zöliakie-Betroffenen sehr hoch ist. Zu den typischen Anzeichen gehören:

  • Anämie, Blässe
  • Geschwollenes Gesicht, Wasseransammlungen
  • Durchfälle mit fetthaltigem Stuhl
  • Blähungen, harter aufgetriebener Bauch, Bauchschmerzen
  • Gewichtsverlust, manchmal auch gesteigerter Appetit
  • Mangel an bestimmten Nährstoffen insbesondere Eisen, Folsäure

Wie wird Zöliakie diagnostiziert?

Verschiedene Kriterien stehen Medizinern zur Verfügung eine Zöliakie zu diagnostizieren. Die beim Patienten nachweisbare Konstellation aus diesen verschiedenen Kriterien kann variabel sein.

  • Biopsie des Dünndarms vor der Ernährungsumstellung: bei Erwachsenen die wichtigste Diagnose-Methode. Mithilfe der Marsh-Klassifikation wird die Zerstörung der Dünndarmschleimhaut in verschiedene Kategorien eingeteilt.
  • Gen-Test: Etwa 90% der Betroffenen haben das Gen HLA-DQ2, die anderen HLA-DQ8. Der Gentest ist nicht als alleinige Diagnose ausreichend. Bei Fällen mit starker Symptomatik wird der Gentest hinzugezogen
  • Bluttest auf Antikörper vor Diätbeginn: Erhöhte Transglutaminase-Antikörper im Blut.
  • Das Beschwerdebild des Patienten wird auch miteinbezogen, insbesondere wenn die oben genannten typischen Anzeichen auftreten
  • Abklingen der Symptome unter der glutenfreien Ernährung

Wichtig ist bei Verdacht auf Zöliakie einen Arzt aufzusuchen. Der ordnet meist zuerst eine Blutabnahme und einen Gen-Test an. Das Blut wird daraufhin auf bestimmte Antikörper untersucht, die bei einer Zöliakie eine Rolle spielen. Es handelt sich dabei um Antikörper, die sich gegen die Enzyme Transglutaminase (Anti-TG) und gegen das Endomysium (EmA) richten. Sie zirkulieren im Blut, attackieren die Enzyme und lösen die Entzündungsreaktion der Darmschleimhaut aus. Es kann aber auch zu falsch-positiven Ergebnissen kommen, wenn beim Patienten ein IgA-Mangel vorliegt. Dieser geht häufig mit Zöliakie einher. Daher sollten auch alle Antikörper der Klasse A bestimmt werden.

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Ca. 30-35% der Gesamtbevölkerung sind HLA-DQ2 oder DQ8 positiv. Das HLA-Gen sitzt auf dem Chromosom 6. Aber nur 2% entwickeln im Laufe ihres Lebens eine Zöliakie. Aus diesem Grund wird auch weiterhin nach den Ursachen geforscht. Die Gene allein sind nicht für die Entstehung der Zöliakie verantwortlich. Der Gentest ist vor allem nützlich, um eine Zöliakie auszuschließen (kein HLA-DQ2 oder DQ3-Gen nachweisbar).

Die Dünndarm-Biopsie wird herangezogen um eine Zöliakie zweifelsohne zu diagnostizieren. Ein positiver Gen-Test, typische Beschwerden und ein Abklingen der Symptome unter glutenfreier Kost sind jedoch auch ein Beweis für ein Vorliegen einer Zöliakie. Bei Kindern und Jugendlichen ist eine Biopsie nicht immer nötig, wenn beim Bluttest bestimmte Grenzwerte überschritten werden (Tansglutaminase-Antikörper über das 10-fache des Normbereichs).

Häufigkeit von Zöliakie in der Bevölkerung

Die Erkrankung Zöliakie wird durch den Verzehr von Gluten in genetisch disponierten Personen (mit dem HLA-DQ8 und DQ2-Gen) ausgelöst. Die Prävalenz von Zöliakie liegt heutzutage im europäischen Raum, insbesondere in Deutschland bei durchschnittlichen 1 % (1:100). Frauen sind dabei etwa zweimal häufiger betroffen als Männer. Noch vor 20 Jahren lag die Häufigkeit bei 1:1000 – bis 1:2000. Diese Daten stützen sich allerdings auf eine manifeste, mit typischen Symptomen einhergehende Zöliakie. Mit der Entwicklung neuer Screening- und Diagnosemethoden, insbesondere mit dem Nachweis der Antikörper im Blut, konnte gezeigt werden, dass Zöliakie  häufiger auftritt. Heute wissen Forscher um die verschiedene Symptomatik von Zöliakie-Betroffenen und dass die meisten einen subklinischen Verlauf zeigen. Daher könnte die Prävalenz viel höher liegen als angenommen. Inzwischen wird die Zöliakie vermehrt im Erwachsenenalter diagnostiziert, zwischen dem 20 und 50. Lebensjahr. Kinder werden zwischen dem 1. und 8. Lebensjahr am häufigsten mit Zöliakie diagnostiziert.

Warum gibt es mehr Zöliakie-Erkrankte als früher? Neben den besseren Diagnosemethoden gehen Forscher davon aus, dass das Gluten selbst Schuld an dieser Entwicklung ist. Insbesondere die aus Weizen gewonnene Weizenstärke wird von der Industrie vielseitig als Füllstoff und Binde-Mittel eingesetzt. Eine Vielzahl an (Fertig-)Lebensmitteln und Produkten enthalten heutzutage Weizenstärke.

Begleiterkrankungen von Zöliakie

Patienten mit Zöliakie haben ein erhöhtes Risiko für andere immunologische Erkrankungen. Häufig werden diese zuerst diagnostiziert. Daher ist es wichtig, bei Vorliegen einer solchen Erkrankung, sich auch auf Zöliakie testen zu lassen, vor allem wenn Beschwerden nach dem Verzehr von glutenhaltigen Speisen auftreten.

  • Diabetes Mellitus Typ 1: 5-8% der Diabetiker haben Zöliakie
  • Hautmanifestation: Dermatitis herpetiformis Duhring, auch Zöliakie der Haut genannt: 100%
  • Schilddrüsenerkrankungen: vor allem Hashimoto-Thyreoiditis (8%) und Morbus Basedow
  • Autoimmunhepatitis
  • Rheumatoide Arthritis
  • Morbus Crohn und Colitis Ulcerosa
  • …und weitere

Menschen mit Down-Syndrom und Ullrich-Turner-Syndrom haben auch ein relativ hohes Risiko in ihrem Leben eine Zöliakie zu entwickeln.

Therapie der Zöliakie

Bereits 1/4 g Weizen führt zu einer Entzündung der Dünndarmschleimhaut. Ein besserer Gesundheitszustand kann nur durch striktes Meiden von Gluten erreicht werden. Die zurzeit einzige Therapie, die existiert, besteht in einer lebenslangen strikten glutenfreien Ernährung.

Allein durch das konsequente und dauerhafte Weglassen des schädigenden Getreideeiweißes wird die Krankheit gestoppt. Die Dünndarmschleimhaut regeneriert sich von selbst, die Darmzotten wachsen nach und nehmen ihre Funktion wieder auf.

Geforscht wird an einer Reihe von Wirkstoffen, die alle noch in klinischen Studien in verschiedenen Stadien erprobt werden. Aktuelle Forschungsthemen, alle wichtigen glutenfreien Lebensmittel und Tipps, wie Zöliakie-Betroffene am besten mit der Ernährungsumstellung umgehen, sind in dem Artikel über Ernährung und Zöliakie zusammengefasst.

Achten müssen Zöliakie-Betroffene auch auf glutenhaltige Inhaltsstoffe, insbesondere Weizenstärke und andere Weizenderivate, in Medikamenten, Lippenstifte, Zahnpasta – also mit allem was Kontakt mit dem Mund haben und so versehentlich hinuntergeschluckt werden könnte. Bei Medikamenten (außer bei Nasentropfen) geht die Deutsche Zöliakie Gesellschaft davon aus, dass die aufgenommen Mengen so gering sind, dass sich Patienten mit Zöliakie nicht zu sorgen brauchen.

Je nachdem wie schwer der Dünndarm geschädigt ist, müssen bestehende Mangelerscheinungen ausgeglichen werden. Vitamine und Mineralstoffe wie Vitamin B12, Folsäure und Vitamin D können supplementiert werden. Dosierungsempfehlungen erfolgen über den behandelnden Arzt.

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